Countdown vom „Tatort“-Allesseher

Der SPIEGEL-Autor und „Tatort“-Allesseher Peter Ahrens hat sich vorgenommen alle bisherigen „Tatort“-Folgen konzentriert anzusehen. Die Mediatheken machen es möglich. Er ist mittlerweile im Jahr 2009 angekommen. Seiner Ansicht nach sind die folgenden „Tatort“-Folgen die 10 Besten, die Sie sich anschauen sollten. Man darf gespannt sein, ob sich die Liste noch verändert, denn es folgen immerhin noch 11 Jahre, in denen es auch (fast) jede Woche einen neuen „Tatort“ zu betrachten gibt.

Platz 10: »Der unsichtbare Gegner« (Erstausstrahlung 7. März 1982), Folge 134 mit Kommissar Horst Schimanski, Duisburg

Schimanski wird von einem Unbekannten verfolgt, attackiert, bedroht. Wie der Kommissar das langsam begreift, wie er nach und nach von Schimmi zu Schimanski wird und den Ernst der Lage erkennt, das ist von atemloser Spannung bis zur letzten Minute.

Platz 9: »Auf der Sonnenseite« (26. Oktober 2008), Folge 709 mit Cenk Batu, Hamburg

Der NDR hat echten Mut bewiesen, indem er Batu mit diesem Fall auf die Zuschauer losließ. Ein wortkarger Typ mit einer Geschichte, die sich erst in mehreren Folgen entfaltet. Einen cooleren Typen gab es in 50 Jahren kaum. Diese erste Batu-Folge ist die beste, die letzte die zweitbeste, die dazwischen haben nur einen großen Makel: Es waren zu wenige.

Platz 8: »Kressin stoppt den Nordexpress« (2. Mai 1971), Folge 7 mit Zollfahnder Kressin, überall, wo was los ist

Ha, Kressin, diese deutsche Karikatur von James Bond, im linken Arm eine Frau, im rechten Arm eine Frau, und Platz für einen Drink ist auch noch. Vollkommen drüber, der Typ, aber zuweilen sind die »Tatorte« die stärksten, die einem nicht krampfhaft vorspiegeln wollen, sie bildeten die Realität ab.

Platz 7: »Wie einst Lilly« (28. November 2010), Folge 781 mit Felix Murot, Wiesbaden

Für Ulrich Tukur habe ich gern eine Ausnahme gemacht und seine Fälle schon geschaut, obwohl sie noch nicht an der Reihe sind. Pardon dafür. »Im Schmerz geboren« ist der Hype, aber dieser erste Murot-Fall, in dem Tukur mit seinem Hirntumor plaudert, ist noch umwerfender. Und es gibt weniger Leichen.

Platz 6: »Leerstand« (9. Oktober 2005), Folge 609 mit Fritz Dellwo und Charlotte Sänger, Frankfurt am Main

Dellwo und Sänger, vielleicht das beste Ermittlerpaar. Wie sie hier in einen Albtraum im verlassenen Polizeipräsidium geraten, hätte Franz Kafka glücklich gemacht. In seinem Fall also unglücklich. Jeder Blick von Andrea Sawatzki sitzt.

Platz 5: »Alptraum« (4. Mai 1997), Folge 359 mit Lea Sommer, Frankfurt am Main

Hannelore Elsner hat nur zweimal den »Tatort« als Lea Sommer gedreht, dieser empfiehlt sich, wenn milder Sonnenschein ins Fenster leuchtet. Die Bedrohung durch den Frauenmörder ist so beklemmend, dass einem das Blut in den Adern gefriert. Der einzige »Tatort«, den ich in dunkler Nacht unterbrechen musste, weil ich nicht weitersehen konnte. Am nächsten Tag ging es dann.

Platz 4: »Die Zärtlichkeit des Monsters« (31. Oktober 1993), Folge 282 mit Lena Odenthal, Ludwigshafen

Noch ein Albtraum, der unheimliche Bösewicht Carsdorff – Manfred Zapatka spielt einen Dämon, der es auf die Ermittlerin abgesehen hat. Man kann heute gar nicht recht glauben, wie gut die ersten Odenthal-»Tatorte« waren. Spannend und anspruchsvoll, manchmal machten sie sogar richtig Ärger wie der legendäre Pfalz-Krimi »Tod im Häcksler«.

Platz 3: »Moltke« (28. Dezember 1988), Folge 214 mit Horst Schimanski, Duisburg

Schimanski pöbelt, säuft, tröstet, schimpft, er liebt und feiert Weihnachten. Der Kommissar auf dem Höhepunkt seines Schaffens. Und wieder muss Thanner auf ihn aufpassen. Dazu das Milieu der polnischstämmigen Community, Hänschen mit Feiertagsbereitschaft, man mag sich einfach nicht sattsehen. Perfekt für Weihnachten 2020. Darauf ein Gläschen Danziger Goldwasser!

Platz 2: »Der oide Depp« (7. April 2008), Folge 696 mit Ivo Batic und Franz Leitmayr, München

Die Münchner haben so viele großartige Fälle abgeliefert: »Wir sind die Guten«, in dem Batic ohne Gedächtnis durch die Welt läuft, oder »Das unheimliche Märchen« mit dem noch viel unheimlicheren Hilmar Thate. Aber hier gibt es den Opa Sirsch, und der schlägt alles. Die verwickelte Handlung, die intelligenten Zeitsprünge, der geniale Widerling Jörg Hube, Nemec und Wachtveitl in Bestform: brillant. Aber der Eigenbrötler Sirsch, verkörpert von Fred Stillkrauth, ist »Tatort«-Geschichte.

Platz 1: »Duisburg-Ruhrort« (28. Juni 1981), Folge 126 mit Horst Schimanski, Duisburg

Wenn man eine »Tatort«-Folge in einer Raumkapsel ins All schießen würde, dann sollte es diese sein. Ob Aliens dann noch Lust hätten, die Erde zu besuchen? Schimanski läuft durch ein rottes Ruhrgebiet und erfindet den deutschen Fernsehkrimi völlig neu. Scheiße, ist dieser Film gut. 

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